Amazon – ohne Kampf wirst du niemals mehr bekommen

Der Juli ist für hunderttausende Amazon-Arbeiter_innen ein sehr intensiver Monat. Dann feiert die Firma ihren Geburtstag mit riesigen Verkaufsaktionen. Der Höhepunkt findet Mitte Juli statt und nennt sich Prime Day.

Der Konzern bereitet sich schon seit Anfang Juli auf dieses Event vor. In den ersten beiden Juliwochen herrschen für die Beschäftigten Urlaubssperre, verlängerte Schichten (bis zu 52 Wochenstunden) und noch mehr Arbeitsdruck. Zusätzlich findet ein Produktivitätswettbewerb zwischen den Amazon-Zentren (Fulfillment Centers) auf der ganzen Welt statt, bei dem neue Versandrekorde angestrebt werden. Die Manager können bei dieser Gelegenheit riesige Prämien verdienen, für die normalen Arbeiter_innen gibt es nur noch mehr Produktivitätsdruck, verstärkte Kontrolle und unglaubliche Erschöpfung.

Amerikanische Analysten schätzen, dass Amazon im letzten Jahr am Prime Day bis zu 600 Mio. Dollar umgesetzt hat. Gerade wurde Jeff Bezos mit einem Vermögen von 90 Mrd. Dollar zum reichsten Menschen der Welt erklärt. Die Arbeiter_innen in Polen dagegen bekamen für die Arbeit während der Sommer-Aktionen eine symbolische Anwesenheitsprämie in Höhe von 150 Zloty [35 Euro] brutto, die sie motivieren sollte, regelmäßig zur Arbeit zu kommen.

Die Lohnunterschiede zwischen den Arbeiter_innen in der untersten Lohngruppe 1 und den Managern und Vorständen sind so groß, dass sie unausweichlich zu Konflikten führen. Zusätzlich werden in der Sommerzeit Entscheidungen über Lohnerhöhungen getroffen. In Frankreich finden dann gesetzlich vorgeschriebene Verhandlungen über Lohnerhöhungen statt. In Polen allerdings stellt Amazon dann seinen regionalen Gehaltsspiegel fertig: eine Untersuchung des Lohnniveaus in ausgewählten Betrieben und Branchen sowie der Situation auf dem lokalen Arbeitsmarkt, die der Firma als Grundlage für Entscheidungen über etwaige Lohnerhöhungen dient. Auf diese Art und Weise rechnen auch andere Unternehmen ihre Löhne aus. Es geht ihnen dabei nicht darum, welche Gewinne die Arbeiter_innen erwirtschaften, sondern um die Verfügbarkeit billiger Arbeitskräfte und die Löhne in nahegelegenen oder ähnlichen Betrieben. Damit werden Ungleichheiten verfestigt. Als Antwort auf den Gehaltsspiegel haben wir als OZZ Inicjatywa Pracownicza eine Fragebogenaktion im Betrieb gemacht und daraus eine Forderungsliste an das Management erstellt. Zu den Forderungen gehören u.a.: Erhöhung des Grundlohns um 30 Prozent, Einführung eines 13. Monatsgehalts wie in Frankreich, Einführung einer höheren Betriebszugehörigkeitszulage wie in Deutschland, Urlaubsgeld aus dem betrieblichen Sozialfonds. Die Forderungen waren auch ein Thema beim kürzlichen Treffen der OZZ IP mit Amazon-Vertretern.

Nicht nur die Löhne sorgen für Streit zwischen Arbeiter_innen und Konzernführung. Amazon verschärft permanent die Disziplinierung und Kontrolle der Arbeiter_innen, um aus ihnen so viel Arbeit wie möglich zu möglichst niedrigen Kosten herauszuholen. In Polen wurde im April ein sogenanntes „Hausbesuchsprogramm“ zur Kontrolle von krankgeschriebenen Arbeiter_innen eingeführt. Arbeiter_innen mit angeschlagener Gesundheit sollen so einschüchtert werden, dass sie sich nicht krankschreiben lassen. Außerdem wird in einigen Abteilungen versucht, die Kontrolle über Toiletten- und Pausengänge auszuweiten, die sogenannte „time off task“, d.h. die Zeit, in der man keine vom Computersystem registrierbaren Tätigkeiten wie das Scannen von Artikeln ausführt. Wenn diese Zeit länger als 3 Minuten dauert, wird sie vom System registriert, berechnet und als zusätzliche Pause interpretiert, d.h. als Verstoß gegen die Arbeitsvorschriften. Das passiert sogar, wenn ein Arbeiter länger als 3 Minuten beschädigte Anlagen repariert oder die aktuelle Bestellung und Artikel prüft. Gleichzeitig hat die Firma seit Jahresbeginn die Einstellungsbedingungen verschlechtert. Früher schafften einige Leute es, nach einem halben Jahr Beschäftigung über Leiharbeitsfirmen und einer dreimonatigen Probezeit einen unbefristeten Arbeitsvertrag zu bekommen. Jetzt muss man zusätzlich ein Jahr mit einem befristeten Vertrag arbeiten. Das verlängert die Zeit der prekären Beschäftigung von knapp einem Jahr auf fast zwei Jahre, wobei Arbeiter_innen es insgesamt durchschnittlich drei Jahre bei Amazon aushalten, wenn sie nicht schon vorher entsorgt werden. Als Inicjatywa Pracownicza haben wir gefragt, aus welchem Grund diese verschiedenen Probeverträge eingeführt wurden. Die Antwort der Personalabteilung lautete: „Grund der Änderung ist unsere langfristige Politik und die Situation auf dem Arbeitsmarkt.“ Andererseits behauptet Amazon, seine langfristige Politik beruhe auf „der Sicherstellung eines stabilen Arbeitsumfeldes, dem Aufbau von Beziehungen zu den Kunden und der lokalen Gemeinschaft und darauf, ein attraktiver Arbeitgeber zu sein“. Amazon ist schon eine ganz spezielle Firma, wenn sie Beziehungen zur lokalen Gemeinschaft dadurch aufbaut, dass sie die prekäre Beschäftigung ausweitet. Wieso die Einführung von auf ein Jahr befristeten Probeverträgen Amazon zu einem attraktiveren Arbeitgeber machen soll, bleibt wohl ein Geheimnis.

Das restriktive Managementsystem und die prekären Bedingungen in Verbindung mit den niedrigen Löhnen treffen bei den Beschäftigten auf Widerstand, erst recht während intensiver Verkaufsaktionen wie dem Prime Day im Juli. Zu Beginn der Sommersaison ging erneut eine Welle von Streiks durch die deutschen Amazon-Zentren. Bei der Gewerkschaft Verdi organisierte Arbeiter_innen in Leipzig, Augsburg, Bad Hersfeld, Rheinberg und Werne forderten den Abschluss eines Tarifvertrags, der höhere Löhne für sie bedeuten würde. Streiks gab es auch in Frankreich. In der Gewerkschaft Sud Solidaires organisierte Arbeiter_innen im FC Orléans bei Paris forderten bessere Arbeitsbedingungen, feste Verträge und höhere Löhne. Auf die Entlassung einer Aktivistin des Gewerkschaftsverbands CGT antworteten die Gewerkschaften mit einer Kampagne gegen Repressionen und mit Protesten vor dem Betrieb. Im Zentrum von Poznań klebte eine Unterstützer_innengruppe Plakattafeln, die die ungleiche Verteilung der Gewinne im Konzern anprangern. Vor einer der Plakattafeln haben wir eine Pressekonferenz abgehalten, um die Öffentlichkeit über die Situation und die Konflikte in den polnischen und ausländischen Amazon-Zentren und über die Forderungen zu informieren, die wir vor einigen Tagen an die Firma gerichtet haben.

Arbeite nicht zu schnell, sondern sicher!

Neben den lokal organisierten Aktivitäten ist es uns gelungen, in der Zeit der heißesten Verkaufskampagne zusammen mit bei der Gewerkschaft Sud Solidaires organisierten Arbeiter_innen in Orléans bei Paris (ORY1) und mit Aktivist_innen aus Leipzig (LEJ1) die gemeinsame Aktion „Safe Package“ zu organisieren. Ziel der Aktion war es, auf das Thema Gesundheit und Sicherheit der Arbeiter_innen aufmerksam zu machen – ein Thema, das in Hochbetriebszeiten aufgrund von „betrieblichen Anforderungen“ ignoriert wird. Zusätzlich benutzen die Chefs die Arbeitssicherheitsvorschriften gerne gegen die Arbeiter_innen, um die Hierarchien im Betrieb zu stärken, die Verantwortung für Arbeitsunfälle auf ihre Untergebenen abzuschieben, diese zu kontrollieren und zu disziplinieren (wegen Gewerkschaftsarbeit zu schikanieren, zu bestrafen, wenn sie sich während der Arbeit ausruhen wollen oder sonst irgendwie versuchen, sich das Leben im Betrieb leichter zu machen). Sie tun so, als würden sich um die Gesundheit und Sicherheit der Arbeiter_innen kümmern. In Wirklichkeit benutzen sie das Thema Arbeitssicherheit, um den Druck zu erhöhen und sich um die wirtschaftliche Lage des Betriebs zu kümmern. Deshalb haben wir in den Zentren in Orléans, Leipzig und Polen ein gemeinsam geschriebenes Flugblatt verteilt, in dem wir daran erinnern, was wirklich hilft, die körperliche Gesundheit der Arbeiter_innen zu schützen: regelmäßig Wasser trinken und auf Toilette gehen, die gesamte Pausenzeit zur Erholung nutzen, keine überschweren Gegenständen tragen, überfüllte Förderbänder melden, nicht an unzureichend eingerichteten Arbeitsplätzen arbeiten, Hast und Routine vermeiden usw.

Als Antwort auf die Aktion „Safe Package“ sah sich das Management des französischen Zentrums genötigt, öffentlich zu erklären, es ergreife Maßnahmen, um die Gesundheit der Arbeiter_innen zu fördern. In Polen wurden die Schichtleiter gezwungen, offiziell an Prinzipien wie das regelmäßige Wassertrinken zu erinnern, die natürlich des öfteren dazu führen, dass man in einen anderen Teil der Halle gehen muss, statt schnell zu arbeiten. Letztlich hat das Logistikzentrum in Poznań es dieses Jahr nicht geschafft, wie erhofft einen neuen Versandrekord aufzustellen. Ursache waren nicht nur die vom Flugblatt ausgelösten Diskussionen über die Arbeitssicherheit, sondern vor allem eine Reihe von organisatorischen Fehlern des Managements und ein hoher Krankenstand. Trotz allem hat die Aktion „Safe Package“ Amazon dazu gezwungen, Stellung zum von den Arbeiter_innen auf die Tagesordnung gesetzten Thema zu beziehen. Sogar kleine symbolische Aktivitäten, die die aus der Aufteilung in verschiedene Betriebe in verschiedenen Länder resultierenden Spaltungen überwinden helfen, sind für die Firma ein Signal, das sie nicht ignorieren kann.

Gemeinsam sind wir stärker!

Nach der Aktion schrieben Arbeiter_innen aus Leipzig in einem Brief an die anderen teilnehmenden Amazonier_innen: „Unsere entgeltlichen Bedingungen sind sehr unterschiedlich, aber EINES eint uns: Unsere Arbeitsbedingungen! […] Diese gemeinsame Basis ist auch die Grundlage für gemeinsame Aktionen. Lasst uns weiter gemeinsam kämpfen, für gesunde und fair bezahlte Arbeit! Wir freuen uns auf weitere gemeinsame Aktionen oder sogar Streiks!“

Amazon beschäftigt weltweit fast 400.000 Arbeiter_innen in hunderten von Zentren. Diese Zahl steigt von Jahr zu Jahr um mehrere zehntausend. Die meisten sind in der untersten Lohngruppe 1. Wir leben in unterschiedlichen Ländern mit unterschiedlichem Arbeitsrecht, sprechen unterschiedliche Sprachen, haben unterschiedliche Hautfarben, unterliegen unterschiedlichen sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen. Trotz dieser Spaltungen haben wir aber miteinander mehr gemeinsam als mit denen, die uns verwalten: Teamleadern, Managern, Personalabteilung. Viele von uns rechnen sich einen Aufstieg aus, wenn sie sich dem Arbeitsregime des Managements unterwerfen, wenn sie loyal nicht gegenüber den anderen Arbeiter_innen, sondern gegenüber den Vorgesetzten sind. Leider bleibt ein Aufstieg nur wenigen vorbehalten und ist meist auch noch mit der unangenehmen Pflicht verbunden, seine ehemaligen Kollegen zu disziplinieren und zu bespitzeln. Statt uns für einen höchst ungewissen individuellen Erfolg spalten zu lassen, können wir gemeinsam Stärke zeigen und die Arbeitsbedingungen und Löhne für alle verbessern. Was uns verbindet, sind die Bedingungen, unter denen wir arbeiten, die Rolle, die wir in unseren Betrieben spielen, und das, wonach wir uns sehnen: ein würdiges Leben in Selbstbestimmung.

Amazon weiß, wie es unsere Beziehungen untereinander ausnutzen kann, um uns gegeneinander auszuspielen. In einer Erklärung sagte der Konzern, die Streiks hätten keinen Einfluss auf die Einhaltung seines „Versprechens an die Kunden“ im Rahmen des Prime Day. Die Logistikzentren in Deutschland und ganz Europa hätten sich auf die Protestaktionen vorbereitet und ihre Lagerbestände entsprechend aufgestockt. Mit Unterstützung der übrigen 31 Zentren in ganz Europa würden die Kunden „den gewohnten schnellen und guten Service“ bekommen. Wir müssen lernen, das, was uns bei unserer täglichen Arbeit verbindet, gegen Amazon zu wenden. Mit gemeinsamen Kräften haben wir den Firmengründer zum reichsten Menschen der Welt gemacht. Sicherlich könnten wir unsere Zusammenarbeit auch so organisieren, dass der Reichtum, den wir erarbeiten, uns selbst und unseren eigenen Bedürfnissen zugute kommt. Wenn wir gemeinsam kämpfen – gegen die ständige Kontrolle, dagegen, als Anhängsel der Maschinen behandelt zu werden, für höhere Löhne und für sichere Arbeitsbedingungen -, dann können wir unser eigenes Leben und das Leben der Menschen, die und wichtig sind, dauerhaft verbessern.

Betriebsübergreifende Kommission der OZZ IP bei Amazon Poznań

 

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